Tengwar Kalligrafie

Tolkien selbst verwendete normalerweise einen Füllfederhalter. Einige seiner kalligrafischen Blätter in elbischer Schrift sehen aber so aus, als seien sie mit der Bandzugfeder geschrieben; ohne das Original vor Augen zu haben lässt sich das schwer sagen. Tolkien hatte das Schönschreiben von seiner Mutter gelernt. Seine eigene Handschrift trägt Züge der "Foundational Hand", wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts von Edward Johnston entworfen wurde (wobei Tolkien gelegentlich auch altenglische Buchstabenformen verwendet). Diese Grund- oder Lehrschrift beruht auf der römischen Buchstabenschrift des 9.-10. Jahrhunderts – genauer, auf der karolingischen Minuskel für die Klein- und der römischen Quadrata für die Großbuchstaben. Sie weist das Charakteristikum auf, dass die Feder beim Schreiben immer nur gezogen, nie gegen die Federspitze geschoben wird. Die einzelnen Buchstaben sind aus solchen geraden oder geschwungenen Zügen zusammengesetzt. Hier die Kleinbuchstaben, deren Grundhöhe einer vierfachen Federbreite entspricht:

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Vergleich man dies mit der Tengwar-Schrift, so sieht man bereits auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten im Aufbau. Auch hier haben wir Bögen und Geraden sowie geschwungene Linien als Grundelemente, die Feder wird gleichfalls in einem Winkel von 30 Grad angesetzt, und auch hier schreibt man immer mit dem Federzug:

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Heute gibt es eine Vielzahl von möglichen Schreibgeräten, und deren Verwendung ist zum einen von der Zeit abhängig, die man in das Erlernen investieren möchte, und natürlich auch einem gewissen handwerklichen Geschick. Schreiben ist aber im engeren Sinne keine Kunst, sondern verlangt gerade eine regelkonforme Anwendung. Allzu viel Schnickschnack lenkt von der Schönheit der Grundformen ab. Wichtiger ist es, einen ruhigen Strich und eine Gleichmäßigkeit der Anwendung zu erzielen. So gesehen, kann Schreiben fast eine meditative Übung sein, und mancher mittelalterlicher Mönch mag sie als solche empfunden haben – wenn ihm nicht die Kälte im Scriptorium die Finger klamm werden ließ und die klumpige Tinte die Arbeit erschwerte. Tolkien selbst verwendete bei den Tengwar-Zeichen gelegentlich doppelte Striche für besonders hervorgehobene Anfangsbuchstaben, und bei den Tehtar, den Zusatzzeichen, auch schon mal eine andere Farbe als Schmuck. Als Beispiel für Tolkiens Tengwar-Kalligrafie mag hier das Titelbild von The Road Goes Ever On (1968), dem von Donald Swann vertonten Tolkien-Liederzyklus, aus meiner Tolkien-Sammlung dienen; der Text ist das Quenya-Gedicht »Namárië« aus Der Herr der Ringe, Band 1 »Die Gefährten«, Zweites Buch, Kapitel VIII. Im Innenteil des Buches sind bei demselben Gedicht die Tehtar in Rot (und bei späteren Auflagen in Grün) gehalten.

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Einige der Schreibgeräte, die ich verwendet habe, möchte ich im Folgenden kurz vorstellen und meine Erfahrungen damit schildern:

Gänsekiel


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Nur zu empfehlen für den, der schreiben möchte wie der Hobbit Bilbo im Film. Gänsekiel und Zubehör gibt es zum Beispiel bei Manufactum.

Schreibfeder mit Federhalter


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Das traditionelle Instrument der Kalligrafie, zum Beispiel von der Firma Brause, ergibt insbesondere mit Tusche die besten Ergebnisse. Es erfordert aber viel Übung, damit die Schrift gleichmäßig wird. Größere Federn haben einen Aufsatz, der als Reservoir für die Tusche dient und den man am besten mithilfe eines Pinsels nachfüllt. Das Nachfüllen ist mühsam und aufwändig. Nicht für den gelegentlichen Kalligrafen geeignet, da das Ergebnis häufig enttäuschend ist.

Kalligrafie-Füllhalter


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Der klassische Osmiroid-Füller mit vergoldeter Feder. Neben Tintenpatronen gibt es auch einsetzbare Tintenröhrchen aus einem gummiartigen Plastik, mit denen man durch Drücken Tinte über die Feder ansaugen kann, was die Verwendung der Füllhalter sehr flexibel macht. Man kann auf diese Weise selbst Tusche verwenden, wenn man sich die Mühe macht, das Gerät nach jedem Gebrauch komplett zu säubern. Normale Füllhaltergröße, eher für kleine Hände. Es wird immer die komplette vordere Hälfte des Füllers ausgewechselt; man kann aber bei stärkerer Verschmutzung notfalls auch die Feder zum Reinigen herausziehen. Für einen Füllhalter sind die Federn sehr randscharf, vor allem in kleinen Strichstärken. Die Federspitze ist leicht abgeschrägt. Eignet sich auch sehr gut für die Legenden in handgezeichneten Karten. Die Firma existiert nicht mehr, aber Füllhalter-Sets sind noch antiquarisch zu passablen Preisen zu erhalten.

Rotring Art Pen


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Kalligrafie-Füllhalter in verschiedenen Strichstärken. Für die Tengwar-Kalligrafie eignet sich am besten der Italic Pen in der Federbreite 1,5 mm. Der Füller hat einen sehr gleichmäßigen Tintenfluss und liegt aufgrund seines langen Schafts gut in der Hand. Die Feder ist ein wenig abgerundet, weshalb die Schrift leicht ein bisschen unscharf wirkt. Sehr verbreitet und selbst in der Schreibwarenabteilung vieler Kaufhäuser erhältlich.

Pilot Parallel Pen


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Kallligrafiefüller mit langem Schaft ähnlich dem Rotring Art Pen, aber mit einer wesentlich randschärferen Feder. Die Handhabung erfordert ein wenig Übung, da man die Feder mit der ganzen Breite aufsetzen muss, um keine krakeligen Striche zu erhalten. Dennoch unter diesen Füllern meine erste Wahl. Erfordert spezielle Patronen, die es dann freilich auch in allen erdenklichen Farben gibt. In der Regel in Geschäften für Künstler-Fachbedarf erhältlich. Für Tengwar empfiehlt sich gleichfalls die Strichstärke 1,5 mm.

Edding 1255 Calligraphy Pen


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Filzstift mit langem Schaft. Die flache Faserspitze ist ziemlich weich, und die Schrift nicht besonders randscharf. Die Tinte neigt insbesondere auf einfachem Papier zum Verlaufen. Der Vorteil dieses Stifts besteht darin, dass er preiswert und fast überall erhältlich ist. Für den Anfänger gut geeignet. Die Stärke ist mit 2.0 mm für normale Handschrift ein wenig zu breit.

Italic Fountain Pentel


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Filzstift in Form eines Füllers. Die flache Faserspitze ist härter als beim Edding Calligraphy Pen, und das Ergebnis ist auf gutem Papier kaum von einer Tuschefeder zu unterscheiden. Sehr gleichmäßiges Schriftbild. Diesen Stift habe ich in Tengwar-Workshops verwendet und benutze ihn in der Regel für meine eigenen Schreibübungen. Die Stärke von 1,3 mm ist für Tengwar optimal.. Es gibt auch Stifte von 0,8 mm, die sich für Tehtar eignen. Der Stift ist im Handel kaum noch erhältlich; man bekommt ihn über Internet-Shops, aber fast nur noch im Set zu zehn Stück.

Faber Castell Pitt Calligraphy Pen


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Nicht zu verwechseln mit den Pinselstiften und Finelinern aus derselben Serie (die auch eine sehr gute Qualität haben). Ähnlich gut brauchbar wie der Italic Fountain Pentel. Die Stärke beträgt allerdings auch hier 2,0 mm. Die Tinte ist wasserfest. Den Stift gibt es auch in großen Warenhäusern, ansonsten in Geschäften für Künstlerbedarf. Es gibt ihn auch in exotischen Farben wie sepia und cranberry.

Genaue Anleitungen und Tabellen zur Tengwar-Schrift sind in »Das große Elbisch-Buch« enthalten. Zwei Musterblätter zum Üben habe ich als PDF-Dateien auf der Download-Seite zu Tolkien abgelegt. Darin sind alle wesentlichen Buchstabenformen aus »Namárië« zum Nachzeichnen abgebildet. Ich wünsche viel Erfolg beim Üben.