Nachgelesen: Robert E. Howard

Manche Autoren kann man nach Jahren noch einmal wieder entdecken, bei anderen fragt man sich, was man als Jugendlicher daran wohl gut gefunden haben mag. Der Einfluss von Robert E. Howard (1906–36) auf die Entwicklung des Fantasy-Genres in den 60er-Jahren ist nicht zu unterschätzen. Neben Tolkiens The Lord of the Rings, der Wiederentdeckung von Edgar Rice Burroughs, dem Autor von "Tarzan", und der von Lin Carter herausgegebenen »Adult Fantasy Series« sind die Ausgaben von Howards "Conan"-Geschichten bei Lancer Books ein Meilenstein in der Geschichte des Genres. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Wirkung allein die Cover von Frank Frazetta damals hatten: So etwas hatte man vorher noch nicht gesehen! Eine Handvoll Bücher, die eine regelrechte Welle auslösten, an der freilich Robert E. Howard als Autor weniger schuld war.

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Die 8 Conan-Ausgaben von Lancer Books mit Titelbildern von Frank Frazetta
in der Reihenfolge ihres Erscheinens


Wie sich erst im Laufe der Jahre herausstellte, war die »Conan«-Ausgabe von Lancer Books hinsichtlich der Texte durchaus problematisch. Federführend dabei war ein anderer Fantasy-Autor, L. Sprague de Camp (1907–2000), der sich der Figur annahm und an ihr weiter schrieb. Wie böse Zungen wohl nicht ganz zu unrecht behaupten, tat er dies nicht zuletzt, weil er darin ein kommerzielles Potenzial sah. Darum begann er auch, selbst zu dem »Conan«--Kanon beizutragen, teils durch Umwandlungen anderer Geschichten Howards in »Conan«-Stories, teils durch eigene Pastiches. De Camps eigene Kurzgeschichten und Romane – die die Zeit nicht so gut überstanden haben wie Howards Werke – entsprachen eher der ironischen Comedy, wie sie von Magazinen wie Unknown gepflegt wurde. De Camp war ein amerikanischer Pragmatiker wie Mark Twain und ein völlig anderes Naturell als Howard, der selbst in seinen wildesten Geschichten die Wahrheit behauptet und bei dem sogar der Humor von Pathos getrieben ist.

Der dritte im Bunde, Lin Carter (1930–88), den De Camp als Mitarbeiter heranzog, war ein Fan, der sich zwar später als Herausgeber klassischer Fantasy einen Namen machen sollte, als Autor jedoch über schlechte bis mittelmäßige Pastiches selten hinauskam. Tatsächlich ist der einzige Roman eines weiteren Autors in der Lancer-Serie, Conan the Avenger, der von einem dänischen Leser stammt (und als Art Fan-Fiction entstand), immer noch besser ist als das Meiste, was de Camp und Carter an eigenen Texten beitrugen. Zweit- und drittklassig ist auch das, was eine Vielzahl von anderen Autoren später zu der Marke "Conan" hinzuschrieben, selbst wenn dem einen oder anderen etablierten Autor wie Poul Anderson (1926–2001) und Karl Edward Wagner (1945-94) dabei ein passabler Roman gelang.

Auch die Chronologie, die de Camp den Geschichten verpasste, entsprach gar nicht Howards Intentionen, der sie eher wie einen Zyklus von Legenden konzipierte. Damit steht er, wie in jüngerer Zeit insbesondere Mark Finn in Blood and Thunder: The Life and Art of Robert E. Howard (Monkey Brain Books, 2006) herausgestellt hat, in einer Tradition, die man bislang wenig mit Fantasy in Verbindung gebracht hat. Howard war Texaner, und insbesondere seine Western-Geschichten erinnern sehr stark an die texanischen "Tall Tales", folkloristische Aufschneidergeschichten, wie man sich sich unter Männern bei Bier und Barbecue erzählte. Jeder wusste, dass an diesen Geschichten nichts Wahres dran war, und doch versuchte man im Wettstreit die Schilderungen der anderen mit eigenen immer noch weiter zu übertreffen. Dabei gewann derjenige, der die haarsträubendsten Übertreibungen als bare Münze von sich geben konnte. Howard sagt selbst, dass die Vorbilder für seine Figuren Cowboys und Erdölarbeiter gewesen seien, die er selbst noch gekannt habe. Diese echten Männer waren in mancher Hinsicht viel realer als er selbst, der sich in dieser Welt den Lebensunterhalt mit Schreiben verdiente, und das macht Howards Figuren so überzeugend. Seine überlebensgroße Helden sind nicht zuletzt auf diese amerikanische Tradition gegründet, die er mit literarischen Genres verband, wie sie zu seiner Zeit populär waren.

Dies lässt sich jetzt besonders gut an der Edition von Howards Geschichten aufzeigen, die in Paperbacks vom Verlag Del Rey vorliegt und in denen versucht wird, den ursprünglichen Robert E. Howard neu zu entdecken, der von der Schwemme der zahllosen Pastiches im Roman und Comic, von Film und TV-Serien ganz zu schweigen, völlig an den Rand gedrängt worden war. Diese neue Ausgabe greift zum einen auf Textfassungen erster Hand zurück, vor allem aus erhaltenen Typokripten oder Durchschlägen, ergänzt durch die Fassungen der Erstveröffentlichung in Weird Tales und anderen Magazinen. Zum anderen sind die Texte, ob vollendete Stories oder Fragmente, so weit wie möglich in der Reihenfolge der Abfassung wiedergegeben und ermöglichen so eine ganz neue Lektüre.

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Dabei zeigt sich, dass die frühen Erzählungen noch am stärksten vom Geist der amerikanischen Pulps beeinflusst sind. Der Puritaner Solomon Kane, der seine Abenteuer hauptsächlich im schwarzen Afrika erlebt, ist der typische vom Schicksal gezeichnete Held der Pulps, der sein Anderssein – bleiche Gesichtsfarbe, schwarze Kleidung, übermenschliches Geschick mit der Waffe, ein magisches Artefakt – durch Handlung kompensiert. Bran Mak Morn, der Piktenkönig, ist der Rebell gegen die Macht Roms, und ebenso wie bei Kull von Atlantis, dem Barbar auf dem Königsthron, steht hinter seine Geschichte die Vorstellung einer historischen Entwicklung im Sinne der Theosophie, die von Kataklysmen und Völkerwandungen gezeichnet ist. Aber auch wenn man Howard oft Rassismus vorgeworfen hat, sind seine Helden keine blonden Arier, sondern seine Sympathie gilt eher den unterlegenen Rassen, und seine Figuren sind in der Regel schwarzhaarig und eher vom dunklen Typus, den er mit einem Aspekt des Keltischen identifizierte.

Conan entstand in der Überarbeitung einer abgelehnten »King-Kull«-Story, und somit zeigt die erste Geschichte ihn bereits auf dem Königsthron, den er mit Gewalt erobert hat und nun bewahren muss. Auch der längste Text des Zyklus, der Roman "The Hour of the Dragon" (a.k.a. Conan the Conqueror) zeigt ihn als König von Aquilonia. Die weiteren Geschichten werfen somit im Rückblick Schlaglichter auf seine Entwicklung, ohne einen wirklichen Zusammenhang zu ergeben.

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Die in drei Bänden The Coming of Conan the Cimmerian, The Conquering Sword of Conan und The Bloody Crown of Conan zusammengetragenen Geschichten ermöglichen nun die Lektüre in der Reihenfolge, in der Howard sie geschrieben hat, nicht in der künstlichen Chronologie, die ihnen später übergestülpt wurde. Die Überraschung dabei ist eine sich insbesondere durch die späteren Werke hindurchziehende Tendenz zum immer realistischeren Erzählen.

Dies zeigt sich etwa bei Bild der Pikten. Waren sie Howards frühen Erzählungen allenfalls eine Art Urmenschen am Rande des Geschehens, bei Bran Mak Morn eine nahezu untergegangene Rasse, den Neanderthalern vergleichbar, werden sie nun zu einer Art Indianer des Hyborischen Zeitalters, die Auseinandersetzung mit ihnen zu einem Frontier-Krieg, der nur nicht mit Feuerwaffen ausgetragen wird. Tatsächlichen entsprechen die »Piktischen Inseln« in den »King-Kull«-Geschichten nach der theosophischen Konzeption der Weltgeschichte den Flecken im Ozean, die später zum amerikanischen Kontinent werden sollten. Nicht dass Howard je daran wirklich geglaubt hätte; für ihn war dies, wie er selbst schrieb, nur ein erfundener Hintergrund für eine Serie von erfundenen Geschichten, und die dahinter liegenden Zeiträume und Ideen einer Evolution von Völkern waren zu jener Zeit längst obsolet geworden. Aber beim Hyborischen Zeitalter hat sich Howard selbst von dieser Schablone frei gemacht und benutzt die Völkerschaften und nationalen Stereotypen nur noch für das, was er eigentlich schreiben will und am besten kann: Western im historischen Gewand.

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Ein solches Vorgehen ist auch bei den historischen Geschichten festzustellen, die zwei weitere Bände der Edition umfassen. In beiden werden auch Howards Vorbilder deutlich: In Sword Woman ist es vor allem Harold Lamb (1892–1962) und in El Borak and other Desert Adventures Talbot Mundy (1879–1940). Beide waren als Autoren zu jener Zeit in den USA immens populär, und sie veröffentlichten in den angeseheneren Magazinen wie Adventure und Argosy, während Howard sich mit der zweiten Riege begnügen musste, zu der auch Weird Tales zählte. Er hat seine Vorbilder genau studiert, was so weit ging, dass er eine Liste mit allen fremden Namen und Bezeichnungen aus Lambs Kosaken-Geschichten zusammenstellte. Doch während hinter Athelstan King in Mundys King of the Khyber Rifles – das sich liest, als hätten sich hier Rudyard Kipling und Karl May die Hand gereicht – immer noch Lawrence von Arabien und die Idee vom britischen Empire steht und der Aufstieg von Harold Lambs Kosaken-Held Khlit am ehesten dem Dschingis Khans gleicht, sind bei Howard die Wüsten und Steppen des Ostens die ungezähmte, wilde Region, in der sich die Helden auf sich allein gestellt behaupten wie die Gunslinger im Wilden Westen Amerikas.

Die Horror-Geschichten, die in einem weiteren Band zusammengefasst sind, welcher sich zum Teil inhaltlich mit den anderen überschneidet, sind die am wenigsten bemerkenswerten. Am ehesten fallen noch die ins Gewicht, die sich auf einheimische Traditionen stützen. Es ist müßig, zu fragen, was aus Howards Erzähltalent geworden wäre, hätte er sich nicht mit dreißig das Leben genommen. Aber wahrscheinlich würde er viel stärker wahrgenommen als das, was er immer schon war: ein texanischer Autor, der ebenso in seine Zeit hineingeboren war, wie er schließlich an ihr zerbrach.