Nachgelesen: Edgar Rice Burroughs

Die meisten, denen »Tarzan« ein Begriff ist, kennen ihn aus Comics oder Filmen. Dass er ursprünglich eine Figur aus etwa zwei Dutzend Romanen des amerikanischen Autors Edgar Rice Burroughs (1875–1950) war, ist kaum noch jemandem bekannt – und gelesen werden diese Bücher heute eher selten. Der erste Roman, Tarzan of the Apes (1912), erschien vor über hundert Jahren, und ist heute gemeinfrei, wie etliche der frühen Werke des Autors. Selbst der Name »Tarzan«, wie 2014 in einem Rechtsstreit festgestellt wurde, ist in Deutschland nicht mehr geschützt – zwar gilt grundsätzlich der Urheberrechtsschutz nach dem Tod des Autors für amerikanische Werke wie für deutsche, aber es gibt eine juristische Klausel, wonach die letzte Verlängerung dieser Frist von 50 auf 70 Jahre in diesem Fall nicht anwendbar ist.

Tarzan ist mittlerweile ein moderner Mythos geworden wie Dracula, Sherlock Holmes und Frankensteins Monster, wobei die Figur trotz einiger neuerer Verfilmungen immer noch von der Verkörperung durch Johnny Weissmuller geprägt ist, dessen bekanntester Dialogsatz »Ich Tarzan, du Jane!« lautet. Das wird weder der Figur noch dem Autor gerecht. Es hat darüber hinaus noch weitere Verfilmungen, darunter Greystoke: The Legend of Tarzan (1984) mit Christopher Lambert und einen Disney-Zeichentrick- und einen neueren 3D-Film, gegeben, des weiteren ein »Tarzan«-Musical. Mit Tarzan lässt sich immer noch Geld verdienen. Aber lässt sich das Original heute noch lesen?

Burroughs war sicherlich kein Literat. Die Romane, insbesondere Tarzan of the Apes und A Princess of Mars (ebenfalls 1912 erschienen), waren für die damalige Zeit recht originell, was das Thema betraf, und hatten durchaus eine gewisse Raffinesse. In beiden Fällen begann der Erzähler, der im ganzen Werk unter dem Namen Burroughs auftritt, aber nicht identisch ist mit dem Autor, mit einem "disclaimer", in dem er den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Abrede stellte, aber zugleich die Leser auf seine Seite zog, ihm dennoch zu glauben.

Was Tarzan betrifft, so sind die ersten beiden Romane, Tarzan of the Apes und The Return of Tarzan (1913), die eigentlich eine einzige zusammenhängende Geschichte ergeben, immer noch lesenswert. Sie beginnt damit, dass ein englischer Lord und seine Frau von Piraten an der afrikanischen Westküste ausgesetzt werden – worauf die Lady den unsterblichen Satz spricht: »Ich will dir eine tapfere Urwaldfrau sein, der wackere Kamerad eines Wildnismannes« (so in der deutschen Übersetzung von 1924). Nach ihrem Tod wird ihr kleiner Sohn John von Affen gefunden und aufgezogen, die ihm den Namen »Tarzan« geben. Der herangewachsene Tarzan findet die große Liebe in Jane Porter, der Tochter eines amerikanischen Professors, folgt ihr in die Zivilisation, und nach manchen Abenteuern und Missverständnissen heiraten die beiden in der alten Hütte im Dschungel.

Tarzan, der inzwischen sein Erbe als John Clayton, Lord Greystoke, angetreten hat, und seine Frau Jane gründen schließlich eine Farm in der Nähe des Viktoriasees. Den Grundstock ihres Reichtums bildet freilich das Gold von Opar, einer vergessenen Kolonie des versunkenen Atlantis im Zentrum des dunklen Kontinents. Tarzan and the Jewels of Opar (1916) ist eine jener »Lost-Race«-Geschichten, die von H. Rider Haggards King Solomon's Mines (1885) und She (1887) begründet wurden und mit James Hiltons Lost Horizon (1933) mehr oder weniger ihr Ende fanden. Darin wird in einem vergessenen Winkel der Erde eine frühere Zivilisation entdeckt, die sich bis auf den heutigen Tag behauptet hat. Doch mit der Erforschung des Planeten Erde wurden die weißen Flecken immer geringer, sodass die Autoren verstärkt in den Weltraum oder die Welt der Fantasy auswichen.

Burroughs' Afrika ist geradezu durchsetzt mit vergessenen Zivilisationen, wie die Karte zeigt (hier mit grünen Punkten wiedergegeben). Dazu gehört auch das Land Pal-ul-Don in Tarzan the Terrible (1921), in dem es neben Sauriern auch Urmenschen mit Schwänzen gibt. In der Folge wiederholte sich das Schema immer wieder, wobei Tarzan Lord of the Jungle (1927), in dem eine Kreuzritter-Kultur im heutigen Äthiopien entdeckt wird, typisch ist. Immerhin gibt es dort einen recht amüsanten Dialog, in dem Tarzan auf die Frage, welchen Rang er in England besitzt, bescheiden antwortet: »Viscount.« Was man ihm trotz Lendentuch sofort glaubt. Tatsächlich gibt es bei Burroughs noch so etwas wie einen Adel des Charakters.

flexible
Zentralafrika in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
und in der Fantasie von Edgar Rice Burroughs
(Illustration HWP
)

Letztlich ist Tarzans Afrika jedoch eine Fantasy-Welt, wenn auch mit historischem Anstrich. Philip Jose Farmer schrieb mit Tarzan Alive (1972) eine Biografie des Helden, doch auch er musste bei Romanen wie Tarzan at the Earth's Core (1929) passen. Denn dass unsere Erde eine Hohlwelt ist, in deren Innerem wiederum gleichfalls eine Art Urzeit-Welt überdauert hat, mit Höhlenmenschen und intelligenten Sauriern, das glauben heute nur noch abgefahrene Esoteriker. Burroughs griff hier das Szenario seiner »Pellucidar«-Serie auf, die mit At the Earth’s Core (1914) begonnen hatte. Das zeigt aber auch, dass ihm spätestens ab Ende der Zwanzigerjahre nichts wirklich Neues mehr einfiel.

Auch über die Szenarios von anderen Werken des Autors ist die Zeit hinweggegangen. Die Welt des Mars, wie er sie in einem Dutzend Romanen beschreibt, entstammt der Vorstellung des 19. Jahrhunderts: eine Wüstenwelt mit wasserführenden Kanälen und einer dünnen, aber atembaren Atmosphäre. Für 1912 war A Princess of Mars ein durchweg gelungener Unterhaltungsroman, geschickt aufgebaut und mit einer Fülle von stimmigen und originellen Details. Auch die Folgeromane The Gods of Mars (1914) und The Warlord of Mars (1918), die die Geschichte zu einem vorläufigen Ende bringen, sind randvoll gepackt mit Abenteuer. Allerdings wirken sie aus heutiger Sicht auch deshalb antiquiert, weil sich zahlreiche Autoren und Filmemacher wie George Lucas in Star Wars (1977) und James Cameron in Avatar (2009) daraus bedient haben. John Carter, die Verfilmung von 2012, ist ein durchaus sehenswerter Film, der nicht zuletzt unter einer katastrophalen Marketing-Kampagne gelitten hat. Nur hat man dort das Gefühl, das alles schon eimal gesehen zu haben, und es fällt beim besten Willen schwer, sich die erforderliche Unschuld des Betrachters zu bewahren.

Daneben gab es die Tradition von »Tarzan« im Comic Strip, die von Zeichnern wie Harold R. Foster (1892–1982), besser bekannt durch Prince Valiant (im Deutschen »Prinz Eisenherz«), Burne Hogarth (1911–96) oder Russ Manning (1929–81) begründet wurde. Auch ein Comic wie Flash Gordon von Alex Raymond (1909–56) hat Burroughs, in diesem Fall »John Carter«, viel zu verdanken. Bei der Wiederentdeckung von Burroughs im Taschenbuch in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre trugen auch die Cover von Roy G. Krenkel (1918–83) und Frank Frazetta (1928–2010), die gleichfalls als Comic-Zeichner debütierten, viel zur Popularisierung bei. Für Frazetta war dies wiederum die Grundlage für seine Bilder zu Robert E. Howards "Conan". Dennoch ist dies alles inzwischen historisch und eher etwas für Nostalgiker.

Dies zeichnete sich für Burroughs selbst schon in seinen letzten Lebensjahren ab. Im zweiten Weltkrieg war er, teils durch Zufall, teils durch Hartnäckigkeit, zum ältesten amerikanischen Kriegsberichterstatter im Pazifik geworden, eine Rolle, die er offensichtlich genoss. In seinem letzten Lebensjahrzehnt musste er jedoch erfahren, dass seine Geschichten nicht mehr gefragt waren, und das, obwohl er als Autor einen so immensen Bekanntheitsgrad besaß. Alles, was er nach 1940 schrieb, ist nur noch Abklatsch. Der Autor litt zudem unter Altersbeschwerden – und einem Alkoholproblem. Bei der letzten »John-Carter«-Geschichte, die in einem Magazin erschien, muckten selbst die Fans auf, das sei nicht mehr der "ERB", den sie kannten; kein Wunder, hatte doch einer seiner Söhne den Großteil davon verfasst.

Burroughs war immer schon ein guter Vermarkter seiner Werke gewesen; als sein erster Verleger es als unfreundlichen Akt bezeichnete, dass Burroughs eine von ihm abgelehnte Geschichte anderweitig verkauft hatte, schrieb er zurück: »Ich schreibe Geschichten nicht aus Freundschaft – ich schreibe, weil ich eine Frau und drei Kinder habe.« Er war auch einer der ersten Autoren, die sich selbst als Firma eintragen ließen. Die »Edgar Rice Burroughs, Inc.« versucht nach wie vor, Tarzan nicht sterben zu lassen. Und wenn man den Romanen glauben will, lebt er immer noch, unsterblich geworden, irgendwo in einem vergessenen Winkel der Welt. Edgar Rice Burroughs verschied dagegen friedlich im Bett, bei der Lektüre der Comic-Strips in der Zeitung.