Freuden und Leiden eines Sammlers

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The Ancrene Riwle.
London: Burnes & Oates, 1955
Sammlung Pesch :-)

Zugegeben, das Vorwort von The Ancrene Riwle (1955) ist von keinem Geringeren als J.R.R. Tolkien. Aber, ebenfalls zugegeben, den Text kannte ich schon, und zudem umfasst er nicht einmal eine Druckseite. Die Übersetzerin, Mary Salu, bedankt sich ausdrücklich bei dem Herrn Professor für seine Mithilfe. Tatsächlich geht wohl die Hilfe Tolkiens weit über das übliche Maß einer Unterstützung einer Studentin hinaus, und der Text selbst reflektiert viel von seinem besonderen Spezialgebiet: der so genanten »AB language«, einer Form des Mittelenglischen, wie sie im 13. Jahrhundert in den englischen Midlands gesprochen und geschrieben wurde. Tolkien selbst hat eine wissenschaftliche Edition des wichtigsten Manuskripts herausgebracht, Ancrene Wisse betitelt, 1935 begonnen und 1962, bereits nach seiner Emeritierung, veröffentlicht. Und davon habe ich jetzt auch ein Exemplar ergattert ...

Warum ich das so im Detail aufzähle? Nun, The Ancrene Riwle habe ich recht günstig bei Amazon erstanden, wo das Buch unter dem Autor »Ancrene« gelistet war (was in Wirklichkeit, wie man wissen sollte oder auch nicht, ein Genitiv Plural von ancres ›Einsiedlerin‹ [englisch ›anchoress‹] ist; riwle bedeutet ›Regel‹ [englisch ›rule‹]). Einem Sammler verschafft so etwas eine klammheimliche Freude, genau wie damals, als ich in einem Londoner Antiquariat für zwei Pfund eine gebundene Ausgabe von Kenneth Sisams Fourteenth Century Verse and Prose erstand (dessen letztes Drittel aus einem mittelenglischen Wörterbuch besteht, dessen Autor wiederum – man ahnt es schon – J.R.R. Tolkien ist).

Andererseits kann ich mich auch daran erinnern, wie ich Mitte der 90er-Jahre in London aus dem Eingang von Foyle's – damals noch nicht modernisiert und die größte Buchhandlung Englands, bevor Waterstones seinen Palast auf dem Piccadilly eröffnete – herausgetaumelt bin und mir sagte: »Du hast gerade für 50 Pfund eine Tolkien-Bibliografie gekauft. Abendessen ist heute gestrichen.« Dies zu Zeiten, als das Pfund noch mehr wert war als heute und das Geld genauso sauer verdient werden musste.

Was bringt einen dazu, auch noch die letzten Lücken einer Sammlung füllen zu wollen? Ist es der Reiz des Komplettierens? Ein atavistischer Jäger- und Sammlertrieb? Jahrelang fehlte mir der eine letzte Band der »Ballantine Adult Fantasy Series«, jener Reihe klassischer Fantasy-Romane, die Lin Carter für Ballantine Books zwischen 1969 und 1975 herausgegeben hat: The Man Who Was Thursday von G.K. Chesterton. Er war nicht nur der Band mit der kleinsten Auflage, er wurde gleich von drei Gruppen von Sammlern gesucht: Fantasy-Sammlern, Chesterton-Sammlern und Sammlern christlicher Literatur. Ich habe geduldig auf der Lauer gelegen, bis er mir schließlich über den Weg gelaufen ist. Aber der befürchtete Effekt, dass mich die Reihe dann nicht mehr interessieren könnte, ist zum Glück nicht eingetreten.

Dabei bin ich kein fanatischer Sammler. Meine Sammlung ist klein: Von Tolkien besitze ich alle englischen Erstausgaben seit The Silmarillion (1977), weil ich die Bücher immer gleich nach Erscheinen haben musste, von den deutschen Ausgaben nur die wichtigsten. Selbst die deutsche Erstausgabe von Der Herr der Ringe (1969/70) habe ich mir erst vor Kurzem zugelegt, zu einem fairen Preis – wie gesagt, ich kann warten (und meine finanziellen Mittel sind begrenzt). Von The Lord of the Rings, der englischen Originalausgabe, habe ich inzwischen zwar die erste Ausgabe, aber nicht deren Erstauflage; zudem haben zwei der drei Bände einen Faksimile-Umschlag. Eine neuwertige Erstauflage der Erstausgabe von 1954/55 mit Schutzumschlägen wird seit Längerem bei AbeBooks.de für 34.790,27 € (+ Porto) angeboten, hat aber hat bislang keinen Käufer gefunden. Eine Sache von Angebot und Nachfrage. Darauf kann auch ich guten Gewissens verzichten. Und meine Alterssicherung habe ich inzwischen anders geregelt.

Sammlung1
The Hobbit (Nachdruck), The Lord of Rings (Second Edition, 8. Aufl.),
The Silmarillion, Unfinished Tales und »The History of Middle-earth« (Erstausgaben)

Sammlung2
»The History of Middle-earth«, »The History of the Hobbit« und The Children of Húrin
(Erstausgaben)


Aber ich gestehe, dass ich bei Tolkien mittlerweile auch die etwas abseitigeren Werke im Blick habe. Ähnlich bei Ursula K. Le Guin, deren Werke ich gleichfalls zu komplettieren suche, wo ich inzwischen bei Kinderbüchern und Gedichtbändchen angekommen bin. Früher habe ich mir immer eingeredet, dass ich damit ja auch arbeite, ähnlich wie bei den mehr als zweihundert Büchern über Fantasy, die ich inzwischen zusammengetragen habe. Was im Grundsatz auch stimmt; es ist, auch in Zeiten des Internets, schon praktisch, wenn man nur hinter sich ins Regal zu greifen braucht. Aber das kann nicht der eigentliche Grund sein.

Ich bin auch kein Komplettist wie mein alter Freund Hermann Urbanek, der deutsche Science Fiction sammelt und sich dafür eine Zweitwohnung zugelegt hat. Von ihm stammt auch der Scherz, den er einmal in einem Vortrag über die Freuden und Leiden eines Sammlers zum Besten gegeben hat: »Im Leben eines jeden echten Sammlers gibt es einen Punkt, an dem ihn die Frau/Freundin/Lebensgefährtin vor die Entscheidung stellt: ›Ich oder die Sammlung.‹ Es ist eine schwere Entscheidung, aber sie schafft Platz für die Sammlung.« (Er ist meines Wissens immer noch verheiratet. Ich auch.)

Meine kleine Sammlung ist durchaus überschaubar und passt im Kern immer noch in mein Arbeitszimmer (von ein paar Außenstellen in anderen Schränken und einem Raum im Keller für die übrigen Taschenbücher abgesehen). Und so soll es auch bleiben. Darüber hinaus gilt für jede Form des Büchersammelns jene Regel, die ich in aller Bescheidenheit »Peschs Gesetz« genannt habe und die da lautet: »Bücher dehnen sich so weit aus, bis der zur Verfügung stehende Platz mit ihnen angefüllt ist.« Es hat also gar keinen Zweck, ein weiteres Regal aufzustellen. In einem halben Jahr ist es sowieso wieder voll.

Anmerkung am Rande: Es gibt von diesem Gesetz auch eine erste Ableitung, nämlich den Zustand der Raumkrümmung. Dieser ist dann erreicht, wenn in einem Regal mehr Bücher stehen, als physikalisch hineingehen. Man kann das auf einfache Weise testen: Man nimmt ein Buch aus dem Regal und stellt fest, dass man es nicht mehr reinkriegt. Doch zurück zum Wesentlichen.

Ich sorge auch gut für meine Bücher. Die etwas Wertvolleren – im materiellen wie im ideellen Sinne – stehen mittlerweile hinter Glas, und ich habe früh angefangen, Hardcover grundsätzlich in Plastikfolie einzuschlagen. Inzwischen bin auf Mylar-Schutzumschläge umgestiegen – eine besonders harte, hochtransparente Folie, aus der u. a. Schablonen gemacht werden und die es für Buchumschläge nur in den USA gibt, wo sie vor allem von Bibliotheken verwendet werden. Ich komme mir zwar jedes Mal ziemlich blöd vor, wenn ich sie vom Zoll abholen muss. (Zöllner: »Was ist da drin?« – Ich: »Schutzumschläge für Schutzumschläge.«) Aber ich liebe nun mal meine Bücher.

Geben wir es es also zu: Diese Bücher sind einfach ein Teil von mir, meiner eigenen literarischen Biographie. Auch Leseerfahrung ist eine Form der Erfahrung, und sie ist nicht zu unterschätzen. Das trifft auch auf jene Bücher zu, die mir erst viele Jahre im Nachhinein gekauft habe, weil ich sie mir seinerzeit, als sie erschienen, nicht leisten konnte. Und dass da wirklich noch die eine oder andere Lücke ist – mit meinem Wissen ist es genauso. Die Lücken werden im Laufe der Zeit zwar kleiner, aber bleiben nicht minder tief.

Und dennoch ärgert es mich maßlos, dass es diesen einen Band der »Tolkien Studies« (VI/2009, für den Fall, dass jemand noch ein überzähliges Exemplar im Schrank hat) auch für Geld und gute Worte nicht mehr gibt, wo ich doch alle anderen schön im Regal stehen habe. Er wurde einfach in zu geringer Stückzahl aufgelegt und wird nicht mehr nachgedruckt! Und ich hätte schon gern eine Erstausgabe von E.R. Eddisons The Worm Ouroboros (und zwar die von 1922, nicht die von 1952; auch wenn ich mich vielleicht irgendwann einmal damit zufrieden geben werde). Das Regal ist zwar voll, aber ich sehe die Lücke trotz alledem. Und sie tut weh.