Elbenschrift auf dem Computer

Tolkiens Elbenschrift ist keine Buchstabenschrift im eigentlichen Sinne, sondern eine Lautschrift. Bestimmte Formen stehen für bestimmte Eigenschaften eines Lauts, und da sich alle Sprachen in ihrem Lautinventar voneinander unterscheiden, ist auch die Bedeutung der Zeichen von Sprache zu Sprache verschieden. Das Grundschema aus Der Herr der Ringe stellt sich wie folgt dar:

flexible

Meine ersten Versuche, einen Font für Tolkiens Elbenschrift zu erzeugen, gehen auf die frühen Neunzigerjahre zurück. Das Betriebssystem hieß damals Windows 3.11, und das Programm TrueType Designer. True-Type-Zeichen sind letztlich Vektorgrafiken, die aus von geschlossenen Kurven begrenzten Flächen bestehen. Das Programm war schon recht komfortabel in der Handhabung solcher Bezier-Kurven, wenn auch vieles, was bei modernen Font-Design-Programmen automatisch geht, zum Beispiel das Verschmelzen von Teilformen, per Mausarbeit erledigt werden musste. Es war freilich etwas unübersichtlich in der Fontbelegung und Verwaltung von Schriften und hatte ein eigenes Dateiformat, und wie sich später herausstellen sollte, bereiteten die so erzeugten TTF- Dateien bei neueren Windows-Versionen Probleme. Ich besitze aber immer noch eine funktionsfähige Version dieser Schrift Feanor Quenya, auch wenn ich sie nicht mehr benutze. Dieser Font ist nie veröffentlicht worden; ich habe ihn nur einmal, glaube ich, für einen Artikel in einer Fan-Zeitschrift verwendet.

Die von Tolkiens erfundene “Tengwar”-Schrift – deren Entwicklung über viele Stadien ging, wie dies in verschiedenen Ausgaben von Parma Eldalamberon dokumentiert ist – ist von Charakter her eine Handschrift, die sich an mittelalterlichen Manuskripten orientiert, und keine Type. Darüber hinaus hat sie eine Vielzahl von “Tehtar” genannten diakritischen Zeichen, die über oder unter die Grundbuchstaben gesetzt werden, so wie man das in der lateinischen Schrift mit Akzenten und dergleichen macht: á, à, â, ã, ä; ç, ø. In der lateinischen Schrift wird jedoch durch solche Zusätze der Lautwert des gesamten Zeichens verändert. In der klassischen Elbenschrift werden Vokale durch solche Tehtar dargestellt, da die eigentlichen Schriftzeichen nur Konsonanten bezeichnen, ähnlich wie in der hebräischen Schrift, und zwar stehen sie je nach Schreibweise über dem vorangehenden oder dem nachfolgenden Konsonanten.

Schon damals war ich auf den Trick verfallen, für diese Zusatzzeichen die Buchstabenbreite auf Null zu setzen und den Zeichenkörper über den Nullpunkt hinaus nach links zu verschieben, sodass beim Tippen automatisch das vorangegangene Zeichen überdruckt wird. Damit dies einigermaßen an die richtige Stelle kommt, muss man die Versetzung für verschiedene Zeichenbreiten unterschiedlich definieren. An Zeichenbreiten gab es in meiner ursprünglichen Schrift zwei, schmale und breite Buchstaben. Das hing auch damit zusammen, dass ich die Zeichen, so gut es möglich war, gemäß ihren Lautwerten im Quenya - dem klassischen Elbisch - auf die Tastatur verteilte, und so lag etwa das Zeichen für den Laut /e/ für schmale Buchstaben auf e, für breite auf E.

Daniel Stephen Smith, dessen ab 1995 entstandene Fantasy-Fonts »Tengwar Quenya«, »Tengwar Sindarin« und »Tengwar Noldor« so etwas wie ein Standard wurden, hat das Problem geschickter gelöst als ich damals. Zum einen sah er nicht zwei, sondern vier unterschiedliche Versionen der Vokalzeichen vor. Zum anderen kümmerte er sich bei der Anordnung nicht um die Lautwerte, die sowieso in der Tengwar-Schrift von Sprache zu Sprache unterschiedlich sind, sondern nahm einfach Tolkiens Schema, ordnete es horizontal statt vertikal an und legte es auf die vier Reihen der Tastatur. Wobei er für die Zuordnung der Schriftzeichen zu den Tasten die amerikanische Tastatur zugrunde legte, die nicht ganz mit der deutschen übereinstimmt.

flexible

Font-Belegung auf der amerikanischen Tastatur
In der oberen Hälfte die Zeichen bei gleichzeitig gedrückter »Shift«-Taste


Die Sonderzeichen werden mit gedrückter »Shift«-Taste erzeugt, wobei man gleichfalls wissen muss, welches Zeichen bzw. welche Zeichenform auf welcher Taste liegt. Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass man mit diesem Font nicht einfach drauflostippen kann, da die Zeichen mit den Buchstaben auf der normalen Tastatur nichts zu tun haben.

An diese Anordnung haben sich auch die meisten anderen Fonts gehalten, die danach entworfen wurden, so auch die ästhetisch sehr gefälligen Fonts von Måns Björkman wie »Tengwar Parmaite« und »Tengwar Eldamar« auf seiner Webseite Amanye Tenceli. Auch sein Windows-Programm Tengwar Scribe, das eine automatische Umsetzung von in Quenya, Sindarin oder Englisch geschriebenen Texten in Tengwar-Schrift ermöglicht - und zwar mit einer korrekten Zuordnung von Zeichen und Laut -, setzt auf diesem Fontsystem auf.

Im Detail erforderte dies leichte Abweichungen von Tolkiens handschriftlichen Beispielen, um die Zeichen passend zu machen. Und es erlaubte natürlich auch nur bedingt sogenannte Ligaturen, Verbindungen von Buchstaben, die sich bei der Handschrift ergeben – denn dafür müsste man jeweils eigene Zeichenformen definieren, die separat einzugeben wären. Dieses Problem löste erst Johan Winge mit »Tengwar Telcontar«, einem sogenannten Smartfont, dem ein Programm auf der Basis der Graphite-Technologie unterliegt. Tengwar und Tehtar werden jetzt nicht mehr übereinander gelegt, sondern durch ein neues Zeichen ersetzt, das beide Bestandteile enthält. Dieses Zeichen kann zudem je nach Kontext unterschiedlich aussehen, sodass damit auch Ligaturen erzeugt werden können (siehe etwa das zweite und dritte Tengwa im ersten Wort des Beispiels).

flexible

Dieser Font funktioniert allerdings so nicht in MS-Word, sondern nur in XeTeX (unter Linux), SIL WorldPad und Open Office (ab Version 3.2). Dort kann man die Zeichen über eine Tabelle eingeben, was etwas mühsam ist – und anders als bei Tengwar Scribe voraussetzt, dass man mit dieser Schrift umgehen kann –, aber recht ansprechende Ergebnisse hervorbringt. Auch die Tengwar-Texte in Das große Elbisch-Buch wurden größtenteils mit diesem Freeware-Font erstellt.

Ungeachtet dessen habe ich nun angefangen, einen eigenen Tengwar-Font (nach dem Smith’schen System) von Grund auf neu zu erstellen, bei dem ich versuchen will, der Handschrift Tolkiens noch etwas näher zu kommen. Falls ich damit fertig werden sollte, dann wäre dies das Ergebnis von zwanzig Jahren Tüftelei. Und wenn nicht, stünde ich zumindest als Tüftler in einer guten Tradition ...